Hof zur Kirschblüte

Tantra

Tantra, der tantrische Prozess, das tantrische Leben haben nicht in erster Linie mit Sexualität zu tun, auch wenn heutzutage viele Menschen diesen Begriff auf sexuelle Praktiken, auf die Befreiung der Sexualität, auf das Aufbrechen unserer sexuellen Konditionierung beschränken. Für uns ist Tantra eine Lebenshaltung, eine Stimmung, die mit Achtsamkeit und Wahrnehmung allem und allen gegenüber zu tun hat: Jedes Lidschlags dir gewahr!
Tantra ist das Erwachen für die Wirklichkeit der universellen Einheit von mir, dir, aller Wesen und der Schöpfung. Das Erkennen der innersten Wirklichkeit, nämlich, dass alles eins und aus Liebe gemacht ist.


Die Nacht wispert mich dir
als Geheimnis ins Ohr
die Sterne funkeln mich
dir tausendfach
in deine Träume
erzählen vom Glück
lieben zu dürfen
und geliebt zu werden –


Eine Tantrikerin wendet sich allem mit derselben Hingabe und Sorgfalt, aus demselben Respekt zu: dem Kochen, dem Essen, dem Jäten, den Kindern, den Arbeitskollegen, dem Fluss, dem Partner, den Wolken, den einfachen Handlungen des Alltages… Tantra ist ein Weg, den erwachende Menschen von selbst einschlagen, eine Lebensphilosophie, die unsere Haltung allem gegenüber transformiert. Die Auseinandersetzung mit Beziehung, mit unserer sexuellen Natur, die tantrischen Kreise, die wir bilden, die ehrlichen Abklärungen bezüglich unserer Wünsche und Bedürfnissen, die Kreisrituale nehmen einen wichtigen Platz ein, weil wir Menschen auf der Ebene des Beckens besonders stark konditioniert und verboten sind. Kaum ein Mensch getraut sich, herauszufinden, wer er wirklich ist, und diese Wirklichkeit dann auch zu leben. Wenn die Energie im Becken nicht frei fliessen kann, ist auch kein leidenschaftlicher, mitfühlender Fluss im Herzen möglich und es steht uns dann auch nicht genug Energie im Kopfzentrum zur Verfügung, um mit der Magie des Unkennbaren, dem Mysterium des Seins, die über das Menschliche weit hinaus reichen, verschmelzen zu können. Der Tantriker geht für alles, was die Liebe mehrt, und verzichtet auf alles, was die Liebe behindert und blockiert.
Für die Tantrikerin ist jeder Augenblick, jede Situation des Lebens gleich-gültig. Sie lernt, darauf zu verzichten, das Angenehme zu suchen und das Unangenehme vermeiden zu wollen. Darum wird für sie das ganze Leben zu einem Fluss der Fülle, von dem sie sich mit Dankbarkeit und Ehrfurcht tragen lässt.

Literatur:
Samuel Widmer Nicolet (mit Marianne Principi): … jedes Lidschlags dir gewahr: Tantra/ von der Liebe Lebenskunst; Basic Editions 2016